Nachhaltiges Printdesign

Neun Antworten auf neun Fragen, die die Referenten des 1. Kongresses für nachhaltige Medienproduktion „Media Mundo“ Anfang Mai 2009 in Berlin beantworteten.

Wie kann es sein, dass plötzlich so große Mengen an FSC-Zellstoff vorhanden sind?

Dr. Uwe Sayer von FSC Deutschland erklärte, dass dem Zertifizierungsprozess in der Holzwirtschaft eine Zielvereinbarung zugrunde liegen kann. D.h. ein Forstwirtschaftsbetrieb könne seine Waldfläche sehr schnell zertifizieren lassen, wenn er zum einen glaubhaft mache, dass die Standards, die der FSC vorschreibt, Schritt um Schritt umgesetzt würden. Zum anderen müsse er aber auch einige Kriterien des FSC sofort erfüllen; dazu gehöre zum Beispiel der sofortige Verzicht auf Pestizide. Hinzu komme, dass von den einhundert Prozent mit FSC-Zertifikat produzierten Holz bisher nur geringer Teil auch wirklich als FSC-Produkt in den Handel komme. Dr. Sayer rechnet damit, dass dieser Anteil aktuell bei etwa 20 Prozent liegt. Dem FSC-Wachstum stehe also nichts im Wege.

Kann man davon ausgehen, dass aufgrund des wachsenden Umweltbewusstseins der Papierverbrauch rückläufig ist?

Das ist leider nicht so. Die Initiative Pro Recyclingpapier belegt, dass der Papierverbrauch von 1950 bis heute kontinuierlich gestiegen ist. Vom gesamten Papierberg entfällt übrigens fast die Hälfte – 46 Prozent – auf grafische Papiere. Die andere Hälfte, es waren in 2007 41 Prozent, wurden für Verpackungen genutzt. Nur sechs Prozent allen Papiers wurde im Hygienebereich verwendet.

Vieles kann man auf ökologischen Papieren drucken – bei Überweisungsformularen, zum Beispiel bei Spendeneinlegern, verweigern sich viele Banken dem ökologischen Papier. Was tun?

Der World Wide Fund For Nature (WWF) hat mit einer Großbank verschiedene Papiere getestet. Ergebnis: Die WWF-Überweisungsträger werden jetzt auf einem FSC-Papier gedruckt. Rainer Litty vom WWF Deutschland gibt gerne nähere Auskünfte: litty(at)wwf.de

Wo liegen bei der Produktion von Printerzeugnissen die größten CO2-Einsparungspotenziale?

Der World Wide Fund For Nature (WWF) hat einmal einen ihrer Prospekte, der in einer Auflage von 1,2 Millionen Exemplaren hergestellt wurde, unter die Lupe genommen: Für das Papier wurde ein CO2-Ausstoss von 7,5 Tonnen ermittelt. Der zweitgrößte CO2-Verbraucher war der Transport, der mit einem LKW erfolgte und mit 2,2 Tonnen CO2 zu Buche schlug. An dritter Stelle folgte die Druckmaschine mit 1,7 Tonnen CO2. Fast gleichauf lagen der Trocknungsprozess (284 kg CO2), die Verarbeitungsmaschine (282 kg CO2) und die Farbe (255 kg CO2). Die Herstellung der Druckplatten wog knapp 70 kg C02 auf.

Die meisten der Zahlen in den Rechenbeispielen sind kaum vorstellbar: Ich hätte gerne ein „kleines“ Beispiel aus meinem Alltag.

Gerne. Wer drei DIN A4-Blätter Recyclingpapier anstelle von Frischfaserpapier verwendet spart die Energie für das Brühen von einer Kanne Kaffee ein. Und wer sechs DIN A4-Blätter Altpapier benutzt, spart einen ganzen Liter Wasser ein. Das hat das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (IFEU) 2006 ermittelt.

Wir haben als Designer Einfluss auf den Herstellungsprozess: In welcher Richtung sollen wir unsere Auftraggeber beraten? Wo ist der Effekt am größten?

Die Auflagenhöhen, die Stückzahlen müssen reduziert werden. Prof. Michael Hardt, Design- und Trendberater, stellte in seinem Vortrag klar, dass die Auflage die entscheidende Stellschraube dafür ist, Printprodukte mit einem maximalen sozioökonomischen Wert zu erzeugen. Er argumentiert, dass selbst ein inhaltlich hochwertiges Printprodukt durch seine massenhafte Verbreitung an Wert verliert. Im Umkehrschluss gewinnt eine Drucksache mit großer inhaltlicher Qualität an Wert, wenn die Stückzahl reduziert wird. Drucksachen würden wieder wertvoller und verlören mehr und mehr den Wegwerfcharakter. Sein zweiter Argumentationsstrang ist natürlich die massive Schonung der Ressourcen durch Auflagenverzicht. Nicht zu vergessen ist die Renaissance der Papierberatung. Hier ist es speziell für Kreative und Medienproduktioner die Aufgabe, Kunden wieder mehr über den Papiereinsatz mit ökologischen Ansätzen zu beraten.

Weniger drucken, weniger designen: Das kann doch keine Lösung sein!

Michael Hardt sah für die Vergangenheit zwei Hauptaufgaben für die Printmedien und Druckereien: Wissen musste vielen Menschen zugänglich gemacht werden. Und Wissen musste bewahrt werden. Heute sieht er die elektronischen Medien als perfekte Vehikel für die Wissensverteilung an – Print sei nicht nachhaltig und im Vergleich zu den Möglichkeiten der anderen Medien rückständig. Jetzt gelte es für die Printproduktion, sich auf die Bewahrung von Wissen zu konzentrieren: Denn ein USB-Stick halte nur wenige Jahre, eine CD hat eine Lebenserwartung von maximal 20 Jahren (wenn sie gepresst ist). Industrielles Papier hat jedoch schon eine Haltbarkeit von 80 Jahren – und dennoch nichts im Vergleich zu Tontafeln, die schon hunderte von Jahren existieren. Michael Hardt sieht einen Daten-GAU auf die Welt zu kommen: In wenigen Jahren sei das elektronische Weltwissen nicht mehr brauchbar, weil die Datenträger unzuverlässig würden und die digitalen Formate nicht mehr lesbar seien. Er spricht von der drohenden „Digitalen Demenz“. Der Ausweg sei, das gesellschaftliche Wissen in hochwertigen Printprodukten zu sichern. Er empfahl, Expertise in diese Richtung zu entwickeln und Auftraggebern konkrete Erinnerungshilfen anzubieten. O-Ton Michael Hardt: „Wir müssen uns von der Silbermine verabschieden und uns mit dem Gedanken vertraut machen, Gold zu schürfen.“

Wie groß ist der Einfluss von Umweltverbänden und –initiativen in der Zellstoff- und Papierindustrie?

Das Pulp&Paper magazin hat im Juli 2008 eine Liste der 50 einflussreichsten Köpfe der Zellstoff- und Papierindustrie erstellt. Auf den Plätzen 1 bis 8 lagen Vertreter von Papier und Zellstoffunternehmen. Auf Platz 9 jedoch folgte ein Vertreter des Forest Stewardship Councils (FSC), einer internationalen gemeinnützigen Organisation, die 1993 gegründet wurde und von Umwelt- und Sozialverbänden unterstützt wird. Auf Platz 14 folgte Greenpeace und auf Rang 33 das skandinavische PEFC-Siegel. Das berichtete Dr. Uwe Sayer, Geschäftsführer des Forest Stewardship Councils.

Es dreht sich scheinbar alles im Kreis. Wie kommen wir aus dem Teufelskreis der gegenseitigen Schuldzuweisungen heraus?

Prof. Dr. Claudia Kemfert lehrt an der Berliner Humboldt-Universität Volkswirtschaftslehre und meint, dass sich dieser Kreislauf – sie spricht vom Klima-Karussell – langsam aufzulösen scheint. Die Verbraucher bewiesen gerade, dass sie durchaus ökologisch konsumieren können (zum Beispiel werden Sprit sparende Kleinwagen gekauft). Unternehmen sähen beispielsweise in den Erneuerbaren Energien Chancen und die Politik würde an gesetzlichen Vorgaben wie der Förderung Erneuerbarer Energien stetig arbeiten. Sie sieht einen Anfang. Übrigens habe sie jüngst Besuch aus den USA gehabt: Ihre Gäste hätten sie mit Fragen gelöchert, wie es gelungen sei, in der deutschen Gesellschaft ein so „klimafreundliches Gesellschaftsklima“ geschaffen zu haben. Davon sei die US-Gesellschaft noch weit entfernt. Dass Professorin Kemfert eine optimistische Person ist, beweist sie übrigens auch publizistisch: Ihr neues Buch heißt „Die andere Klima-Zukunft“.